[ Wissenschaftliche Tagung: „Regionalität und regionaler Wirtschaftskreislauf ]

Die Region als Marke in Landwirtschaft und Tourismus

Zwei Tage lang beherrschte die Frage, wie eine Marke Osttirol den regionalen Wirtschaftskreislauf beflügeln kann, einen von der Arbeitsgemeinschaft „Vordenken für Osttirol“ organisierten Veranstaltungsreigen.


Höchste Niveau auch bei den Vortragenden in der RGO-Arena: V.l. Hansjörg Kienzl, Wendelin Juen, Stefan Herzog, Michael Oberhuber, Eveline Bimminger, Andrea Hemetsberger, Gottfried Tappeiner und Vordenken-Sprecher Richard Piock

Gottfried Tappeiner, Studiendekan an der Uni Innsbruck und international anerkannter Experte für Umwelt- und Regionalökonomie, beschäftigte sich im Auftaktreferat der wissenschaftlichen Tagung in der Lienzer RGO-Arena mit dem regionalen Wirtschaftskreislauf. Sein Credo: „Regionalität macht nur Sinn, wenn man davon auch leben kann“. Er nannte als Voraussetzung für den Erfolg regionaler landwirtschaftlicher Produkte die Vielfalt des Angebotes, ausreichende Mengengerüste, konstante Qualität und eine hervorragende Logistik.

Die Qualitäts- und Markenphilosophie von Landwirtschaftskammer und der Agrarmarketing Tirol stellte Wendelin Juen vor. Er unterstrich die Bedeutung der Tiroler Almen und Almprodukte für den Markenbildungsprozess und präsentierte die vielfältigen „Qualität Tirol“-Projekte, mit denen im Lebensmittelhandel und auch in der Gastronomie bereits beachtliche Erfolge erzielt werden. Marktstudien, von der AMA in Auftrag gegeben, haben gezeigt: „Regional“ ist den Konsumenten bei Lebensmitteln bereits wichtiger als „Bio“.

Wie man aus bäuerlichen Traditionen, Festen, aber auch Arbeitsweisen und Produkten durch gezielte Marketingmaßnahmen ökonomischen Nutzen ziehen kann, erzählte Eveline Bimminger, verantwortlich für den „Salzburger Bauernherbst“. „Wir haben nichts neu erfunden und auch nichts gekünstelt. Es galt, das Vorhandene auf ein hohes Niveau zu heben und professionell zu bewerben. Wir stehen inzwischen bei 2000 mit dem Bauernherbst-Logo beworbenen  Veranstaltungen in 75 Orten, 500.000 Besuchern und 100.000 zusätzliche Nächtigungen in der Zwischensaison. Wir haben mit dem Bauernherbst die Wertschöpfung erhöht und zudem eine Plattform für Regionalität geschaffen“, so die Referentin.

Hans J. Kienzl ist beim Südtiroler Bauernbund für die Marke „Roter Hahn“ verantwortlich. Ursprünglich nur für den Urlaub am Bauernhof gedacht, steht der Rote Hahn mittlerweile auch für Qualitätsprodukte vom Bauern, bäuerliche Schankbetriebe und bäuerliches Handwerk. Wer dabei sein und die Marke nutzen will, muss sich strengen Qualitätskriterien unterwerfen und sich auch zur Aus- und Weiterbildung verpflichten. Der Erfolg bestätigt den eingeschlagenen Weg: Allein bei den Roter-Hahn-Beherbergern wurde die Nächtigungszahl seit der 1999 erfolgten Markeneinführung verdreifacht. Über die Einkaufsgenossenschaft HOGAST haben die Roter-Hahn-Qualitätsprodukte vom Bauern – mittlerweile gibt es mit 15 Produktgruppen ein sehr breites Angebot –  auch den Weg in die Südtiroler Gastronomie gefunden.

 

Die alpine Landwirtschaft wird in Südtirol durch Grundlagenforschung, angewandte Forschung und Beratungsaktionen seitens des Versuchszentrums Laimburg unterstützt, wie dessen Direktor Michael Oberhuber berichtete. Genau untersucht werden „Nischenkulturen“ wie Gemüse, Steinobst, Beerenobst und Kräuter, wobei sich interessante Erwerbsmöglichkeiten vor allem für die Bergbauern bestätigt haben, denen die wissenschaftlichen Erkenntnisse durch einen eigenen Beratungsring weitergegeben werden. So konnte etwa der fast zum Erliegen gekommene Getreideanbau durch Schaffung der Marke „Regiokorn“ wieder intensiviert werden. Dadurch findet sich nun auch wieder mehr regionales Korn im Südtiroler Brot. Am Beispiel des Erdbeeranbaus im Martelltal – der vor einigen Jahren in eine tiefe Krise stürzte – zeigte Kienzl auf, dass es notwendig ist, die Weiterverarbeitung der landwirtschaftlichen Urproduktion vor Ort zu forcieren. Erst dadurch ist die Konsolidierung gelungen.

Den Übergang von den vorwiegend auf die Markenbildung in der Berglandwirtschaft fokusierten Referaten zum Thema „Die Region als touristische Marke“ bewältigte Gerhard Vanzi vom EURAC-Forschungszentrum in Bozen und langjähriger Marketingchef des weltgrößten Skiverbundes Dolomiti Superski. Die Frage, ob  Osttirol als Destinationsmarke wahrgenommen wird, ließ Vanzi offen, wenngleich er gewisse Zweifel erkennen ließ. Was macht eine Region zur Marke? Anders und  unverwechselbar sein, eine klare Positionierung durch Spitzenleistungen. Was hat Osttirol, was es im übrigen Alpenbogen nicht gibt? Vanzi empfahl , darüber intensiv nachzudenken und zu versuchen, den besonderen Charakter Osttirols als Tourismusdestination mit einem, maximal zwei Wörtern zu definieren.

Ähnlich fiel auch die Beurteilung der Osttiroler Gegebenheiten durch Stefan Herzog, einst Mitbegründer und Geschäftsführer der Rheinhessen Touristik GmbH, jetzt  selbstständiger Tourismusberater, aus. Herzog fragte: „Fehlt Osttirol trotz grandioser Landschaft das Profil?“ Er berichtete über seine Herkunftsregion, die historisch gesehen ein Kunstgebilde sei und deshalb mit Identitätsproblemen zu kämpfen hatte. Mit der Schaffung der Dachmarke Rheinhessen als Ergebnis eines breit angelegten Strategieprozesses habe man bewiesen, dass eine Region auch ohne spektakuläre Landschaften touristisch punkten könne. Den Osttirolern empfahl er: „Beherzigen Sie die vorhandene Destinationsstrategie „Osttirol 2025“ von Kohl & Partner und machen Sie etwas daraus“.

 

Die weiteren Referate befassten sich mit der regionalen Essenskultur. Andrea Hemetsberger, Leiterin des Instituts für strategisches Management, Marketing und Tourismus an der Uni Innsbruck berichtete über das von ihrem Forscherteam begleitete Interreg-Projekt „Alpfoodway“. Diese Initiative umspannt den ganzen Alpenbogen mit 14 Institutionen aus 6 Nationen, spürt Gemeinsamkeiten in der Essenskultur auf und arbeitet daran, den Lebensraum, die regionalen Lebensmittel und die alpine Küche in Wert zu setzen. „Es geht uns darum, die übernationale Identität zu fördern und alle Beteiligten am wirtschaftlichen Erfolg teilhaben zu lassen“, so Hemetsberger. Die Osttirol-Kennerin ortet ein großes, entwicklungsfähiges Potential der heimischen Lebensmittelproduktion und der kulinarischen Tradition. Die Bücher „So schmeckt Osttirol“ und „Culinarium Tyrolensis“ seien wichtige Wegweiser zu erfolgreichen Marktmodellen.

Martin Huber, Gastronom aus Neustift bei Brixen, berichtet über die Initiative „Eisacktaler Kost“, die sich bereits seit 47 Jahren großer Beliebtheit erfreut dazu geführt hat, dass regionale Kost nicht nur während kulinarischer Wochen, sondern ganzjährig in zahlreichen Eisacktaler Restaurants angeboten wird.

Mit Chris Oberhammer, Chef des Restaurants „Tilia“ in Toblach, kam ein gleichermaßen überzeugter wie überzeugender Botschafter regionaler Kulinarik zu Wort. Der Spitzenkoch verarbeitet nahezu ausschließlich Produkte aus dem Nahbereich: „Meine Arbeit als Koch fängt dort an, wo die des Bauern aufhört. Man muss die naturgegebene Begrenztheit des Lebensmittelangebotes in der Region berücksichtigen. Außerdem: Fairtrade beginnt bei der Butter und nicht erst bei der Schokolade“.

Richard Piock, Sprecher und „Spiritus Rector“ der Arbeitsgemeinschaft „Vordenken für Osttirol“ schloss die Tagung mit den Worten: „Es ist Zeit, unsere Region weiterzuentwicklen. Wir müssen uns an Werten orientieren, zusammenarbeiten und Geduld haben“. (wl)

 

Eine ausführliche Zusammenfassung können sie hier nachlesen:

Vordenken für Osttirol_Regionaler Wirtschaftskreislauf_08 06 2018