[ „Wer Visionen hat, kann alle Grenzen überwinden!“ ]

Alles, was der damals neunzehnjährige Thomas Geierspichler am 4. 4. 1994 um circa halb Fünf Uhr morgens wahrnimmt, sind Lichtreflexionen, Rauchschwaden und ein sonderbares Kribbeln, das von den Beinen aus den Körper hoch klettert. Nach einer durchzechten Nacht ist er als Beifahrer bei hoher Geschwindigkeit gegen ein Betongeländer geprallt und seither querschnittsgelähmt. 10 Jahre später erkämpft er bei den Paralympics in Athen die Goldmedaille.

Mit einem Vortrag von Paralympics Olympiasieger Thomas Geierspichler ging die diesjährige Veranstaltungsreihe des Projekts „Vordenken für Osttirol“ vergangenen Freitag zu Ende. Geierspichler sitzt seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl und hat erreicht, was vielen Menschen unerreichbar erscheint.  Im gut besuchten Festsaal des BORG Lienz schilderte er, wie er sein Handicap in einen Turbo verwandelte und sich jeden Tag neu motiviert.

„Kampftrinken und Kampfkiffen gehörten in den Jahren nach dem Unfall zu meinem Alltag“, so der „Anifer Bauernbub“, als den er sich heute noch sieht. Auch Koks und LSD probiert er aus.  Ein Nachmittag bei Bekannten – bekennenden Christen – bringt schließlich den Turnaround. Die aufrichtige Frage des Gastgebers, wie es ihm denn tatsächlich gehe sowie das nicht Akzeptieren der Antwort „Passt schon!“ lösen ein Umdenken aus. Er gewöhnt sich zunächst das Rauchen ab, lässt die aufgestauten Gefühle hervorbrechen und kanalisiert sie beim Hanteltraining und bei Liegestützen  zu neuer Lebensenergie.  „Alles ist möglich dem, der daran glaubt“, zitiert der 41jährige jenen Bibelvers, mit dem er sich selbst am Schopf packte und aus dem seelischen Abgrund hochzog.

„Es ist nichts Verwerfliches daran, sich unrealistische Ziele zu setzen“, ist der Salzburger überzeugt. Ganz im Gegenteil: „Man sollte sich Ziele immer höher stecken, als sie erreichbar scheinen.“ Nur so sei es möglich gewesen, dass für den Anifer Bauernbub 2004 bei den Paralympics in Athen anlässlich des Gewinns der Goldmedaille über 1.500  m tatsächlich die Bundeshymne gespielt wurde.

Motivation für die Region Osttirol

Wilfried Kollreider, Leiter der AK Bezirksstelle Lienz sowie Gastgeber der Veranstaltung, leitet aus Geierspichlers Vortrag wertvolle Anregungen zur Stärkung der Region Osttirol ab: „Als Region müssen wir den Mut aufbringen, grenzenlos und ohne Tunnelblick zu denken.“ Ein Flaschenzug müsse stets höher hängen als der Punkt, an den man hin will, zieht Kollreider einen bildhaften Vergleich.  Er erkennt viele positive Impulse in der Region. Sein persönliches Fazit: „Osttirol darf sich nicht mit Minimalzielen zufrieden geben und aus Angst vor dem Scheitern sowie vor gesellschaftlicher Rechtfertigung die Ziele zu niedrig stecken“, so Kollreider.

(c) Fotos: Brunner Images/ Philipp Brunner