[ Nachlese: Vortrag Dr. Henkel – Vom Wert lebendiger Dörfer ]

Vom Wert lebendiger Dörfer

Der bekannte Humangeograf Gerhard Henkel, häufig als „deutscher Dorfpapst“ bezeichnet, da er sich seit Jahrzehnten für den ländlichen Raum und insbesondere für den Erhalt der Dörfer einsetzt, referierte auf Einladung der „Vordenken“-Arbeitsgruppe „Osttirol als Ort guten Lebens“ kürzlich im bis zum letzten Platz gefüllten Saal der AK Lienz.
   

Was ist zu tun, um die Dörfer lebendig zu erhalten? Wenngleich die Dorfentwicklung der letzten Jahrzehnte in Deutschland im Forschungsfokus Henkels steht, sind Parallelen zur Situation in Österreich durchaus erkennbar. Einerseits, so  der Referent, sei im Lauf der letzten Jahrzehnte  die Infrastruktur in den Dörfern wesentlich verbessert worden; auch die Ausgrenzung von Zugezogenen sei kaum mehr zu bemerken. Andererseits: Die Dörfer sind leerer geworden sind. Vielfach verschwanden nach und nach Geschäfte, Gasthäuser, Postämter, Bankfilialen, Arztpraxen, Polizeistationen und schließlich auch die Grundschulen. Historische Bausubstanz fiel nach Jahren des Leerstandes der Spitzhacke zum Opfer.  In Deutschland habe die Politik lange weggeschaut, was eine Tageszeitung schon  einmal zur Feststellung „Bei uns wird mehr für die Rettung der Wölfe als für die Rettung der Dörfer getan“ veranlasst habe. Berliner Wissenschaftler hätten sogar ernsthaft über „Abwrackprämien für Dörfer“  nachgedacht. Dabei: „Jeder Ort ist einzigartig und hat Stärken.  Man muss nur genauer hinsehen“.

   

Osttirol mit seinen 33 Gemeinden sieht Henkel nahezu als „Insel der Seligen“, da hier Gemeinde- bzw. Gebietszusammenlegungen kein Thema sind – im Gegensatz zu Deutschland, wo man damit viel zerstört habe. „Vielfach wurde mit massiven Kosteneinsparungen geworben. Inzwischen ist erwiesen, dass diese  nicht eingetreten sind. Besonders schwer wiegt die Aushöhlung der Mitmachdemokratie, wenn die ehrenamtliche Tätigkeit im Gemeinderat und in sonstigen Ortsgremien wegfällt.  In Deutschland wurden 300.000 Gemeinderäte sozusagen entsorgt“, berichtet Henkel über seine Erfahrungen. In der Vergangenheit seien die Bürger als Untertanen betrachtet worden, heute immerhin als Kunden. Das Ziel der Kommunalpolitik müsse aber sein, die Bürger als Partner zu gewinnen. Für den Referenten gibt es herausragende Gründe, warum man die Dörfer auch in Zukunft braucht:

  • Am Land werden 50% der Wertschöpfung generiert
  • Der Wohlstand am Land ist höher als in der Stadt – ein Großteil der Landbevölkerung lebt in Eigenheimen und ist mit der Wohnsituation viel zufriedener als die Städter
  • Die Versorgung mit Lebensmitteln und Energie geschieht am Land
  • Die Geburtenrate der Landbevölkerung ist zwar auch rückläufig, aber immer noch höher als in den Städten
  • Der Lebensstil in den Dörfern und Kleinstädten ist gemeinschaftsorientiert
  • Wer am Land aufwächst, bekommt viel mehr an praktischen „Skills“ mit, die von der Witrschaft gefragt sind
  • Das Dorf hat eine hohe soziale Kompetenz – es steht für eine Mitmach- und Anpackkultur
  • Die Dörfer hüten den wertvollen Schatz der Natur- und Kulturlandschaft

Das Resümee des Referenten: „Lasst das Dorf leben und seine Kräfte neu entfalten“.

Dass es diese Kräfte – repräsentiert von engagierten Dorfbewohnern – in Osttirol in hohem Maß gibt, wurde anhand von „Best practice“-Beispielen demonstriert. Eine dieser Erfolgsgeschichten ist die 1996 als Genossenschaft gegründete Regionalenergie Osttirol, die mittlerweile 18 Biomasseheizwerke betreibt und zuletzt mit ihrem „FLUGS“-E-Carsharing wiederum Pionierarbeit geleistet hat. Obmann Albert Pichler: „Vor 20 Jahren betraten wir mit unserer Initiative zur Verbesserung der regionalen Wertschöpfungskette durch ressourcenschonende Wärmeenergieerzeugung Neuland und mussten bei den Bauern und den Behörden viel Überzeugungsarbeit  leisten. Wir sind heute stolz darauf, dass unsere mit heimischem Holz betriebenen Heizwerke mittlerweile 1,4 Mio. Liter Heizöl ersetzen.  Auch die Mobilität ist für unseren Bezirk besonders wichtig, weshalb wir mit dem E-Carsharing neue Akzente setzen konnten“.

Klaus Unterweger, ehemals Bürgermeister der Großglocknergemeinde Kals, setzte bei der Dorfentwicklung vor allem auf ein gemeinsam mit den BürgerInnen entwickeltes Leitbild. Seine Erfahrung: „Die Gemeinde bzw. die Kommunalpolitik muss bei den Dorfentwicklungsprozessen eine aktive Rolle spielen und auch Verantwortung übernehmen. So war es wertvoll, dass die Gemeinde Kals seinerzeit eine Mitarbeiterin dafür abstellen konnte. Dass sie – Erika Rogl –  dann zu Bürgermeisterin gewählt wurde, war ein Beweis ihrer  qualitätvollen Arbeit mit der Dorfbevölkerung.“

Aus dem kirchlichen Bereich berichtete Marianne Holaus über das Zusammenstehen des Dorfes, als es galt, für den erkrankten Pfarrer einzuspringen. „Laien wurden gefördert und gefordert – so konnte viel Positives wachsen, wie etwa unsere regelmäßigen Besuchsdienste bei betagten MitbürgerInnen und Kranken“. Ihr Wunsch: „Es wäre schön, wenn sich junge Eltern auch  außerhalb von Erstkommunion und Firmung für ein lebendiges Pfarrleben im Dorf engagieren würden“. Außerdem gab sie den Zuhörern eine wichtige Botschaft mit auf den Weg: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun“.

Richard Schneider berichtete über die „Deferegger Machelkammer“, die vor etwa 20 Jahren von fünf Einheimischen mit den Ziel initiiert wurde, einzigartige Produkte aus dem Defereggental zu präsentieren und zu vermarkten und gleichzeitig beizutragen, dass das traditionelle Kunsthandwerk nicht ausstirbt. „Eine solche Kooperation muss sich immer weiterentwickeln und auch Qualitätskriterien definieren. Unser seit 2008 bestehendes Geschäftslokal wird mittlerweile von 30 Lieferanten regelmäßig mit hochwertigen, authentischen Produkten versorgt, die vor allem bei den Gästen sehr beliebt sind“, so Schneider. Dass dörfliche Initiativen an zu geringen öffentlichen Förderungen scheitern, lässt er übrigens nicht gelten: „Das mit dem Geld ist oft nur eine Ausrede“. Bei Kooperationen sei vielmehr die Homogenität der Gruppe entscheidend.